Armaturentechnologie macht Kernkraftwerke zu einer verlässlichen Alternative

19.06.2014 | id:4155816

Damit in Europa nicht die Lichter ausgehen und die Klimaziele erreicht werden können, sei eine radikale Überarbeitung der chaotischen europäischen Energiepolitik von Nöten. Investitionen in Höhe von 2 Billionen USD müssen bis 2035 getätigt werden, um die Energie grüner und sauberer zu machen, so die Energieagentur International Energy Agency (IEA) in einem Anfang Juni veröffentlichten Sonderbericht.
China hat den weltweit höchsten Investitionsbedarf in den kommenden Jahren, der Schwerpunkt der Energienachfrage verschiebt sich maßgeblich in Richtung der aufstrebenden Wirtschaftsregionen, die den weltweiten Energieverbrauch um ein Drittel erhöhen. Laut IEA ist diesem steigenden Energiebedarf nur durch Investitionen in fossile Kraftwerke beizukommen,
Der VDMA Fachverband Armaturen nimmt den Sonderbericht der jährlich erscheinenden „World Energy Outlook"- Reihe zum Anlass für ein Interview mit  dem Geschäftsführer der Sempell GmbH, Dr. Achim Trasser. Das zum amerikanischen Pentair-Konzern gehörende Unternehmen stellt Hochsicherheitsventile und andere Armaturen her, die vor allem in Kraftwerken eingesetzt werden.

Weitere Interviews werden in den kommenden Monaten bei speziellen Anlässen folgen.

Herr Dr. Trasser, in Deutschland gilt die Atomenergie den meisten als unberechenbares Übel. Schadet das einer Firma wie Sempell, die Zulieferer dieser Kernkraftwerke ist?
Dr. Achim Trasser:  Wir haben damit zu kämpfen, dass in Deutschland die Nukleartechnik total heruntergefahren wird. Aber das Gute ist, wir haben das kompensieren können. Wir haben uns neue, vielversprechende Märkte erschlossen. Dazu zähle ich zum Beispiel Russland oder auch Südkorea und China. Das sind zurzeit die Wachstumsmärkte für uns. Das kann man hierzulande vielleicht nicht verstehen. Aber die Nukleartechnik ist in vielen Teilen der Welt im Kommen. China hat ein sehr ambitioniertes Nuklearprogramm, und das geht auch voran.

Aber es gibt doch noch das Wartungs-Geschäft für die noch am Netz hängenden Meiler in Deutschland.
Dr. Trasser: Unsere Umsätze sind in Deutschland eingebrochen. Wir haben früher natürlich an alle deutschen Kraftwerke Ersatzteile geliefert. Das ist nicht mehr der Fall. Es sind viele Aufträge storniert worden, weil die Betreiber gesagt haben, in der Restlaufzeit machen wir keine Ertüchtigung mehr. Das ist nicht gerade nachhaltig. Eben so wenig nachhaltig ist es, in Deutschland die Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen und den Strom von den Atomkraftwerken in Frankreich und Tschechien zu beziehen.

Neben der ungeklärten Entsorgung ist die Sicherheitsfrage eine der Hauptgründe für die Ablehnung der Atomtechnik in Deutschland. Kann diese Sicherheit gewährleistet werden?
Dr. Trasser: Natürlich kann man Sicherheit berechnen, aber viel wesentlicher ist es, die Qualifikation in einem Versuch durchzuführen. In einem Labor unter realen Verhältnissen zu testen, was in einem Ernstfall passiert. Wir testen unsere Armaturen beispielsweise im Kernforschungszentrum von Areva in Karlstein oder im Konzern-eigenen High Flow Prüfstand in Mansfield, in den USA.  Dort kann man Dampf in großen Mengen erzeugen, und einen Störfall in einem Nuklearkraftwerk simulieren. Damit hat man einen realen Hintergrund. Die Armaturen müssen funktionieren, deshalb machen wir diese sehr aufwändigen und sehr kostenintensiven  Prüfungen. Wenn man, wie wir, über Jahre diese Versuche gefahren hat, dann hat man natürlich auch eine Menge Erfahrung und Qualifikation gesammelt. Das ist das, worauf man heute die Sicherheit aufbaut, nicht nur auf Berechnungen, sondern auch auf praktischen Erfahrungen.

Ist das in Europa anders als in anderen Märkten, beispielsweise den USA?
Dr. Trasser: In den USA gelten auch sehr hohe Sicherheitsanforderungen. Da gibt es auch Versuchslabore wie die Wyle-Laboratorien oder den Pentair Prüfstand in Mansfield, den wir auch externen Kunden zur Verfügung stellen. Seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima ist aber auch im asiatischen Raum, insbesondere in China, ein ganz neues Sicherheitsdenken erkennbar. Es gab zuvor Zeiten, da hat man dort in Nuklearanlagen Armaturen eingebaut, die nicht die hohe Qualifikation hatten, die bei uns oder in den USA Standard sind. Jetzt sind auch in China die Spezifikationen und Anforderungen deutlich gestiegen. Das hilft uns natürlich, uns gegen den lokalen Wettbewerb  in Asien besser zu positionieren. Alle haben Angst, dass irgendwann einmal wieder ein Fukushima kommt oder ein Tschernobyl. Dann wäre natürlich die nukleare Renaissance in China und anderswo in einer Sekunde dahin.

Wo sind die Armaturen von Sempell im Einsatz in einem Atomkraftwerk?
Dr. Trasser: Man unterscheidet in einem Kernkraftwerk grundsätzlich zwei Bereiche, den Primär- und den Sekundärkreislauf. Der Sekundärkreislauf ist eigentlich ein ganz normales Kraftwerk, in dem Turbinen den erzeugten Dampf in Energie umwandeln. Den beliefern wir auch. Aber unsere Armaturen werden auch im Primärkreislauf eingesetzt, also im kontaminierten Bereich. Da stellen wir diverse Sicherheits- und Absperrarmaturen her. Besonders kritisch sind grundsätzlich die Druckhalter-Sicherheitsventile. Sie verhindern, dass der Druck im Innern über die Belastungsgrenze steigt. Sonst würden die Leitungen platzen. Wir haben Systeme mit einer vierfachen Redundanz im Einsatz. Wenn also eine Armatur nicht funktionieren sollte, wären noch drei weitere verfügbar, um die Funktionalität des Systems sicher zu stellen. Das ist das eigentlich Nachhaltige an unseren Armaturen. Sie vergrößern die Sicherheit, zum einen durch die Redundanzen, aber vor allem durch die vielzähligen Tests unter realen Verhältnissen.


Kann man noch etwas verbessern an den Armaturen oder noch mehr prüfen?
Dr. Trasser: Prüfungen und Berechnungen werden selbstverständlich immer weiter verbessert. Aber wir arbeiten zum Beispiel auch an der Optimierung von Verschlusszeiten unserer Armaturen. Bei einem Störfall ist es extrem kritisch, dass es schnell geht. Es ist wichtig, dass man definitiv sicherstellt, dass die Armaturen funktionieren. Ein weiter Punkt der Verbesserung ist es, die Wartung zu vereinfachen. Man muss sich vorstellen: Im Containment, das ist im Inneren des Reaktors, sind unsere Mitarbeiter mit dicken Brillen und dicken Handschuhen unterwegs. Damit kann man filigrane Teile schlecht bewegen. Außerdem kann ein Serviceeinsatz im Extremfall nur dreißig Minuten dauern, um die tägliche zulässige Strahlenbelastung des Mitarbeiters nicht zu überschreiten. Dadurch werden die Servicebedingungen schon sehr aufwändig. Daher versucht man, die Zugänglichkeit an den Armaturen zu verbessern und die Wartung zu vereinfachen, wie zum Beispiel durch den on-line Test von Sicherheitsarmaturen im Betriebszustand.

Was ist Ihre Prognose für die Nutzung der Kernkraft langfristig?
Dr. Trasser: Wir halten die Kernkraft langfristig für eine Alternative, die außerhalb von Europa durchaus Akzeptanz findet, insbesondere im asiatischen Raum. Das ist weiterhin ein großer Markt. Denn die Chinesen haben ein großes Problem. Sie haben zwar viel Kohle, aber sie sind inzwischen auch der weltgrößte Emittent von CO2.  Die Luftverschmutzung ist für sie ein immenses Problem. Sie müssen ihre Schadstoffbelastung verringern. Deshalb setzen sie auch in der Zukunft auf die Kernkraft. In puncto Sicherheit ist die chinesische Kernkraft künftig nachhaltiger, weil sie immer mehr auf unsere sichere Technologie setzt. Es ist schon so, dass der Kunde, wenn er unser Produkte wählt, Nachhaltigkeit sucht, weil er auf Sicherheit setzt. Das ist die Chance, die wir im Weltmarkt haben.
 

Bildquelle : Sempell, Präzision und Sauberkeit auch in der Produktion (2014)

Treser, Isabella
Treser, Isabella