An mehr Effizienz geht kein Weg vorbei

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Mitte September 2014 fand in Rio de Janeiro die Rio Oil & Gas Expo statt. Die Messe ist eines der größten internationalen Branchentreffen in Südamerika, an dem auch zahlreiche deutsche Unternehmen teilnahmen. Darunter auch die Frankfurter SAMSON AG, führender Hersteller von regelbaren Industrieventilen. Wir  nahmen die Messe zum Anlass ein kurzes Interview mit Dr. Jörg Kiesbauer, Vorstand für Forschung und Entwicklung bei SAMSON zum Thema Nachhaltigkeit zu führen.

Welche Bedeutung hat die Branche Oil & Gas für Sie?
Dr. Jörg Kiesbauer: SAMSON will stärker in das Öl- und Gasgeschäft gehen. Das ist für uns eine Zukunftsbranche. Und Südamerika ist ein wachsender Markt für diese Industrie. In den Anfängen hat SAMSON vor über hundert Jahren einfache Armaturen in einfachen Regelkreisen entwickelt. In den 1950-er Jahren sind wir in die Prozessautomation eingestiegen und haben uns vor allem auf die Chemische Industrie fokussiert. Dort sind wir mit unseren automatisierten Regelventilen heute Weltmarktführer. Die Grenzen zwischen der Chemischen Industrie und der Öl- und Gasindustrie sind fließend. Wir sehen gute Chancen, vieles von dem, was wir entwickelt haben, auch in der Öl- und Gasbranche einsetzen zu können. Wir haben schon einige Erfolge, aber wir wollen dieses Geschäft ausbauen. Im Blick haben wir in erster Linie die Petrochemie.

Wo sind denn die Gemeinsamkeiten der beiden Branchen aus Armaturensicht?
Dr. Kiesbauer: Ein einfaches Ventil kann man nur auf oder zu machen. Ein Regelventil ermöglicht dagegen Zwischenstellungen. Für diese Regelung ist ein Antrieb nötig. Der Antrieb kann elektrisch sein, aber in Branchen, bei denen es auf eine extrem hohe Sicherheit und Zuverlässigkeit ankommt, arbeitet man häufig mit Druckluft. In der Chemie wie auch in der Petrochemie wird daher häufig Druckluft verwendet. Das ist, zum Beispiel, eine entscheidende Gemeinsamkeit.

Erwarten Sie, dass die Nachfrage nach SAMSON-Ventilen in der Öl-und Gasindustrie steigt vor dem Hintergrund des Fracking-Booms in den USA?
Dr. Kiesbauer: Durch den Boom der Öl- und Gasförderung in den USA stehen umfangreiche Investitionen in der petrochemischen und chemischen Industrie an. Wir versprechen uns davon eine erhöhte Nachfrage.

Spielt Energieeffizienz in den USA mit ihren niedrigen Energiepreisen demnächst keine Rolle mehr?
Dr. Kiesbauer: Langfristig wird es auch in den USA eine Rolle spielen. Im Moment ist das wegen der Fracking-Euphorie und der dadurch sinkenden Preise noch nicht so spürbar. Aber Schiefergas ist auch nicht unumstritten. Dass Energieeffizienz per se ein Thema ist, sehen wir an der Nachfrage aus dem Nahen Osten. Dort setzt man auf Nachhaltigkeit, ungeachtet dessen, dass an Öl und Gas kein Mangel herrscht. In Katar entsteht mit dem Projekt „Katar Green City“ eine ganze Stadt, die umweltgerecht sein soll. In der Welt zählt längst nicht mehr nur das Gütesiegel „Made in Germany“. Deutschland wird auch als Vorreiter für Nachhaltigkeit gesehen. Man sehe nur, dass der Begriff Energiewende vielerorts inzwischen als Fachausdruck übernommen wurde.

Ziele wie Kundennähe, Prozessoptimierung und Effizienzsteigerung gab es schon immer, heute nennt man sie nachhaltig. Ist das bloß ein neuer Begriff?
Dr. Kiesbauer: Nachhaltigkeit ist mehr als die Summe dieser Ziele. Heute befinden wir uns, ausgelöst auch durch die Globalisierung, auf der Welt auf einem anderen Level. Die äußeren Umstände haben sich geändert. Die Bevölkerung wächst, die Ressourcen werden knapper. Deshalb sind diese Ziele nicht mehr nur betriebswirtschaftlich sinnvoll, sondern gesellschaftlich notwendig. Wir haben einen anderen Antrieb, nachhaltig zu entwickeln. Technisch gesehen folgt daraus beispielsweise, dass wir nicht mehr bloß einzelne Merkmale isoliert betrachten, sondern immer mehr den gesamten Lebenszyklus einer Maschine oder Anlage.

Ist diese Betrachtung der Total Costs of Ownership bereits ein weltweiter Trend?
Dr. Kiesbauer: Leider nein. Das liegt daran, dass viele unserer großen Kunden inzwischen Engineering-Unternehmen beauftragen, statt mit uns direkt zu sprechen. Diese Unternehmen sind naturgemäß nur an niedrigen Preisen interessiert und daran, dass eine Maschine oder Anlage die Gewährleistung übersteht. Wenn wir in einem direkten Bezug zum Kunden stehen, ist es leichter, mit den günstigeren Lebenszykluskosten bei anfangs höheren Anschaffungskosten zu argumentieren. Wir hatten es früher auf Seiten der Kunden nur mit Experten zu tun, denen unsere Argumente einleuchteten. Durch das Outsourcen von Entscheidungen ist heute vielfach das Know-how nicht mehr im Hause. Dann wird das Verfolgen nachhaltiger Ziele oft zu einem bloßen Lippenbekenntnis.

Wohin geht die Entwicklung in puncto Nachhaltigkeit bei SAMSON?
Dr. Kiesbauer: Die vorausschauende Wartung ist ein gutes Beispiel für Nachhaltigkeit. Wir arbeiten daran. Außerdem geht es uns darum, die Langlebigkeit unserer Produkte zu vergrößern. Schon jetzt sind unsere Ventile gut und gerne 15 Jahre in Betrieb. Wir wollen diese Lebenszeit noch verlängern. Und nach wie vor geht es immer um Qualität. In unseren Kundenbranchen wie der Chemie- oder Pharmaindustrie ist Qualität ganz entscheidend. Wo sie fehlt, geht es immer gleich zu Lasten der Menschen. Die hohe Qualitätsanforderung ist auch ein Grund dafür, dass wir in der Produktion eine hohe Fertigungstiefe haben. Damit haben wir fast alles selber in der Hand.
Als nachhaltig betrachten wir auch unsere modular aufgebaute Entwicklung. Wir fangen nicht bei jeder Entwicklung oder Weiterentwicklung von vorne an. Wir bauen unsere Entwicklungen aufeinander auf. Das ist zeitsparend und sehr effizient – und sehr nachhaltig. Denn modular heißt wiederverwendbar.

Alle Welt spricht von „Industrie 4.0“ oder dem „Internet der Dinge“. Ist diese Entwicklung der Nachhaltigkeit förderlich oder steht sie ihr entgegen?
Dr. Kiesbauer: Die weitere technische Entwicklung, unter welchem Motto sie auch läuft, ist grundsätzlich nötig, um mehr Nachhaltigkeit in die Welt zu bringen. Wir brauchen technischen Fortschritt, wenn wir etwas besser machen wollen. Man denke nur an Autos ohne Lenkrad, in die sich auch noch alte Menschen setzen können und sich individuell fortbewegen können. Die Entwicklung wird generell einhergehen mit einer noch größeren Digitalisierung zur Generierung von „Big Data“ mit einer Verdichtung der Daten im Hinblick auf moderne Service-Konzepte. Für uns heißt das unter anderem, dass wir damit rechnen, mehr Aktorik in Regelkreisen einzusetzen. Am Ende des Tages könnte eine drahtlose Steuerung stehen – die Aktorik ist schon soweit. Ein weiterer Aspekt von Industrie 4.0 könnten auch modulare Systeme aus Pumpe und Ventil oder überhaupt mehr Funktionalität in Aktorsystemen sein.

Erzeugte das nicht einen Mangel an Sicherheit, weil diese drahtlose Steuerung nur elektrisch realisiert werden kann? Wo man doch sonst auf Pneumatik gerade wegen der größeren Sicherheit setzt?
Dr. Kiesbauer: Datensicherheit ist ein großes Thema. Das ist auch einer der Gründe, warum es noch eine Weile dauern wird, bis man solche Systeme einsetzt. Wir bei SAMSON arbeiten schon an solchen Konzepten zur Verminderung dieses Sicherheitsrisikos. Aber die Realisierung wird wohl noch einige Jahre auf sich warten lassen.

Bildquelle : Samson - Assembly of control vavles

Treser, Isabella
Treser, Isabella