Heizungen in Bestand kostengünstig modernisiert

28.10.2014 | id:5867657

Prof. Dr. Bert Oschatz, Geschäftsführer des Instituts für technische Gebäudeausrüstung Dresden Forschung und Anwendung GmbH (ITG) verrät im Interview, wie Einsparpotenziale auch ohne unnötig teure Sanierungsmaßnahmen möglich sind.

 

 

Herr Prof. Oschatz, Sie forschen im Bereich der Technischen Gebäudeausrüstung u. a. im Auftrag des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumordnung. Können Sie in wenigen Sätzen erläutern, welche Forschungsschwerpunkte Ihr Institut hat, insbesondere im Bereich Heizungstechnik?

Prof. Oschatz: Ganz allgemein beschäftigen wir uns mit Anlagentechnik im Gebäude, Schwerpunkte sind die Energieeffizienz und der Einsatz erneuerbarer Energien. Wir beraten dabei die öffentliche Hand, z.B. Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsministerium bei der Weiterentwicklung von Rahmenbedingungen wie der Energieeinsparverordnung oder Heizungsanlagenverordnung, der Umsetzung europäischer Richtlinien in nationales Recht oder der Ausgestaltung von Förderprogrammen wie z.B. das MAP. Wir unterstützen Unternehmen bei der Entwicklung und Bewertung neuer Produkte und der Systemoptimierung. Außerdem sind wir im Bereich der Normung auf nationaler (DIN, VDI) und internationaler (CEN, ISO) Ebene tätig.

Die Diskussion um die Energiewende wird in weiten Teilen unserer Gesellschaft auf die Stromerzeugung durch regenerative Techniken verkürzt. Dabei findet der Großteil unseres Energieverbrauchs im Wärmesektor statt: Raumheizung und Warmwasserbereitung. Hier gibt es noch enorme Einsparpotentiale, die es zu heben gilt. Wie sollte man Ihrer Einschätzung nach hier ansetzen?

Prof. Oschatz: Der erste Schritt wäre aus meiner Sicht eine Neuorientierung der Politik in der von Ihnen beschriebenen Weise. Also: die höchste Aufmerksamkeit und die meisten politischen Aktivitäten auf den Gebieten, die das größte Einsparpotenzial bieten. Daran müsste sich natürlich eine Umverteilung der eingesetzten finanziellen Mittel anschließen, also mehr Mittel für die energetische Modernisierung des Gebäudebestandes. Leider wird sich so eine Änderung - wenn überhaupt – nur sehr langsam vollziehen.

Im deutschen Wohnungsbestand trifft man häufig auf jahrzehntealte Heizungsanlagen. Wie hoch wäre in etwa das Energie- und CO2-Einsparpotential, wenn man all diese Gebäude mit moderner Heiztechnik betriebe?

Prof. Oschatz: Gegenwärtig gibt es etwa 40 Mio. Wohnungen in Deutschland, davon sind ¾ mit nicht mehr zeitgemäßer Heiztechnik ausgestattet. Die mittlere Wohnfläche beträgt etwa 90 m². Unterstellt man ein mittleres Einsparpotenzial von 35 kWh/m²a, so könnte man bei vollständiger Modernisierung 95 Mrd. Kilowattstunden pro Jahr einsparen, das entspricht etwa 25 Mio. t CO2 pro Jahr.

Neben dem kostenintensiven Heizkesselaustausch, gibt es verschiedene  Modernisierungsmaßnahmen, bei denen mit geringem Aufwand beachtliche Energieeinsparungspotentiale realisiert werden können und die sich deshalb auch in kurzer Zeit amortisieren. Welche Maßnahmen sind hier vor allem zu nennen?

Prof. Oschatz: Vor allem der hydraulische Abgleich, der Wechsel alter Heizkörperregler, eine bedarfsgerechte und energiesparende Einstellung der Heizungsregelung allgemein, der Austausch ungeregelter Heizungspumpen und - sofern trotz EnEV-Verbot noch vorhanden – die Dämmung ungedämmter Heizungsleitungen im unbeheizten Bereich.
Die dabei erzielbaren Amortisationszeiten liegen praktisch immer unterhalb der Lebensdauer der Komponenten. Paradoxerweise denken viele Hausbesitzer bei Energieeinsparung zuerst an eine Wärmedämmung der Gebäudehülle. Hier besteht natürlich auch ein erhebliches Einsparpotenzial, allerdings bei ebenso erheblichen Kosten.

Betrachtet man das Modernisierungstempo bei Heizungstechnik in deutschen Häusern, wird klar, dass die Erkenntnis, entsprechende Maßnahmen helfen der Umwelt und entlasten dabei auch den Geldbeutel des Verbrauchers, noch nicht überall angekommen sind. Was können Verbände, Wissenschaft und Industrie tun, um diese Erkenntnis breiter in die Öffentlichkeit zu tragen?

Prof. Oschatz: Wir vermitteln dem potenziellen Kunden an dieser Stelle leider zu viele unterschiedliche und zum Teil sogar widersprüchliche Botschaften. Dies führt im Extremfall bis zur Botschaft „keine Anlagenmodernisierung ohne vorherige vollständige Dämmung der Gebäudehülle“. So etwas ist natürlich Unsinn, führt aber sicher trotzdem dazu, dass notwendige und wirtschaftliche Heizungs-modernisierungen unterbleiben. Außerdem kann man durch geeignete Förderung viel bewirken, aber auch verhindern. Die Aussicht auf eine zukünftige steuerliche Absetzbarkeit von Modernisierungsmaßnahmen im Einfamilienhaus trägt ganz sicher nicht dazu bei, jetzt schon etwas zu unternehmen. Also: gemeinsame Initiativen von Verbänden, Industrie und Wissenschaft in Richtung Politik und auch direkt an den Verbraucher.

Die Fachwelt spricht heute gerne über "Passiv- und Energieplushäuser" als Schlüssel zur Erreichung unserer Energieeinsparziele. Diese Technologien betreffen jedoch in der Regel nur den Neubau und weisen auch nicht nur Vorteile auf. Welchen Stellenwert mit Blick auf das deutschlandweite Energieeinsparpotential (Neubau und Bestand) haben diese neuen Bauformen im Vergleich zur Modernisierung konventioneller, wassergeführter Heiztechnik?

Prof. Oschatz: Den 40 Millionen Bestandswohnungen stehen jährlich etwa 200.000 neue Wohnungen gegenüber, das entspricht einer Neubaurate von 0,5% pro Jahr. Der Anteil der Passivhäuser am Neubaugeschehen liegt wiederum im kleinen einstelligen Prozentbereich, Plusenergiehäuser haben wir noch viel weniger. Wenn man alle Wohnungsneubauten eines Jahres im Passivhausniveau errichten würde, ergäbe dies eine Einsparung von ca. 0,01 Mrd. Kilowattstunden pro Jahr – im Vergleich zu den eingangs genannten 95 Mrd. Kilowattstunden pro Jahr ein wirklich verschwindend geringer Betrag. Dies soll wirklich nicht bedeuten, dass Energie im Neubau zu vernachlässigen ist, der Schwerpunkt muss jedoch ganz klar im Bestand liegen.

Herr Professor Oschatz, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Bildquelle : Prof. Oschatz - itg-dresden.de / Stefan Rajewski - www.fotolia.de

Treser, Isabella
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