Tschechische Chemiebranche erhöht Kapazitäten

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Die tschechische Chemiebranche steigert ihre Exporte und profitiert im Inland vom wachsenden Privatkonsum sowie der guten Entwicklung einiger Industriebranchen. Das Investitionsklima in der Chemieindustrie ist nach wie vor gut.

Als Hochindustrieland ist die Tschechische Republik ein wichtiger Absatzmarkt für Chemieprodukte. Das Wirtschaftswachstum bleibt mittelfristig konsumbestimmt, was sich positiv in der Nachfrage nach Chemieerzeugnissen für den Haushaltsbedarf niederschlägt. Dank steigender Löhne auf einem leergefegten Arbeitsmarkt geben Privathaushalte mehr für Kosmetika, Körperpflegemittel und Parfüm aus. Das Gesundheitsbewusstsein wächst und fördert den Absatz von Arzneimitteln, aber auch Nahrungsergänzungsmitteln. Die Landwirtschaft verbraucht mehr Düngemittel. 

Das verarbeitende Gewerbe ist mit 26 Prozent der Bruttowertschöpfung ein Schwergewicht und zentraler Abnehmer von chemischen Erzeugnissen. Durch seine Exportorientierung reagierte es 2019 auf die zunehmende internationale Unsicherheit mit geringerer Dynamik. Die Produktion stieg von Januar bis September saisonbereinigt nur noch um 0,4 Prozent. Sehr gut geht es weiterhin der Pharmaindustrie mit zweistelligem Produktions- und Umsatzwachstum (jeweils +18,4 Prozent).

Auch die Kraftfahrzeugproduktion, Tschechiens stärkste Industriebranche, blieb 2019 trotz des schwierigeren Umfelds auf Wachstumspfad. Mit 1,47 Millionen Kraftfahrzeugen hatte sie 2018 einen weiteren Rekordwert erreicht und legte in den ersten neun Monaten 2019 noch um 0,8 Prozent zu. 

In der Gummi- und Kunststoffverarbeitung stagnierte die Produktion bei leicht positiven Umsätzen und Aufträgen. Wegen der schwächeren Auslandsnachfrage blieb in anderen wichtigen Abnehmerbranchen für chemische Erzeugnisse die Produktion unter dem Niveau des Vorjahres. Darunter befanden sich die Textilindustrie und der Metallsektor.

Neue Marktimpulse durch Investitionen

Impulse für Produktion und Nachfrage kommen aus zwei Großinvestitionen: Auf Anbieterseite hat Tschechiens Petrochemie-Gruppe Unipetrol, die zum polnischen PKN Orlen-Konzern gehört, eine neue Polyethylen-Produktionsanlage gebaut und bereitete im Oktober 2019 die Aufnahme des Betriebs vor. Die Jahreskapazität liegt bei 270.000 Tonnen Polyethylen hoher Dichte. Mit umgerechnet fast 350 Millionen Euro handelt es sich um die größte Investition der tschechischen Petrochemie. Auf Abnehmerseite eröffnete Ende August 2019 der südkoreanische Reifenhersteller Nexen Tire sein erstes europäisches Werk im tschechischen Zatec. Die Jahreskapazität soll von 3 Millionen bis auf 11 Millionen Reifen 2022 steigen. Auch Kfz-Zulieferer und Kunststoff-Verarbeiter planen neue Linien und Werke. 

Das Investitionsklima in der Chemieindustrie bleibt durch die Wettbewerbsfähigkeit der tschechischen Betriebe und ihre hohe Auslastung gut. Mehrere Unternehmen planen schrittweise Erweiterungen oder Modernisierungen. Zwar nahmen die Investitionen unter den Herstellern chemischer Erzeugnisse (NACE 20) nach zwei herausragenden Jahren 2018 um ein Zehntel auf 12,6 Milliarden Tschechische Kronen ab (ca. 491 Millionen Euro). Doch ist das ein sehr solides Niveau. Verdoppelt gegenüber 2017 haben sich die Investitionen bei den Arzneimittelherstellern (NACE 21) auf umgerechnet 218 Millionen Euro und in der Gummi- und Kunststoffverarbeitung auf 1,6 Milliarden Euro (NACE 22).

Die Umstellung auf umweltgerechte, emissionssenkende Technologien bleibt unter dem Druck der europäischen Industrieemissionsrichtlinie und des Europäischen Emissionshandels (EU ETS) ein Muss. Außerdem liegen die Themen Kreislaufwirtschaft, Nachhaltigkeit, erneuerbare Energien und Biobrennstoffe neuer Generation im Trend. So testet das Forschungszentrum von Unipetrol UniCRE die Verflüssigung von Plastikabfall über Pyrolyse und die anschließende Verarbeitung zu neuen Kunststoffen. Bochemie will Biopolymere aus gebrauchten Speiseölen gewinnen. Die tschechische Startup Pol Oil vermarktet ihre Technologie zur Gewinnung von Öl aus Kunststoffabfällen. 

Grundchemikalien dominieren das Geschehen

Die Produktion der Chemiebranche (NACE 20) ging mengenmäßig von Januar bis September 2019 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum saisonbereinigt um 1,9 Prozent zurück. Umsätze und Auftragseingang gaben ebenfalls um je 1,4 und 2 Prozent nach. Während die Inlandsumsätze stagnierten, waren die Auslandsumsätze um 2,5 Prozent niedriger. Vor allem die Nachfrage nach Kunststoffen in Primärform entwickelte sich rückläufig.

Generell aber stiegen die Chemieexporte (SITC 5) in diesem Zeitraum sehr dynamisch um nominal 10,1 Prozent auf 7,6 Milliarden Euro. Geht es nach der Unternehmenserhebungsstatistik, arbeiteten laut Eurostat in Tschechien viele Chemieunternehmen (NACE 20) zu über 90 Prozent ausgelastet an der Grenze ihrer Kapazität. Als Einschränkungen für die Produktion gaben sie im 4. Quartal 2019 vor allem die technische Ausstattung an. Die Nachfrage kam erst an zweiter Stelle.

Obwohl Diversifizierungsprozesse in Gang sind, bleiben die Grundchemikalien das Schwergewicht im Wirtschaftszweig NACE 20. Mit ihrem Verkauf sind über 84 Prozent der Branchenumsätze verbunden. Es folgt die Herstellung von sonstigen chemischen Erzeugnissen (darunter besonders pyrotechnische Erzeugnisse) mit 6,4 Prozent und das im Zehnjahresvergleich sehr geschrumpfte Segment Seifen, Wasch- und Körperpflegemittel sowie Duftstoffe mit 4,5 Prozent. Der Ausstoß an Chemiefasern nimmt pro Tonne seit 2011 mit jedem Jahr zu.

Zwei Konzerne dominieren das Geschehen - Unipetrol und Agrofert. Unipetrol führt bei Raffinerie-, Petrochemie- und Agrochemierohstoffen. Agrofert ist ein Mischkonzern im Bereich Lebensmittel, Agrarchemie sowie Chemikalien für Farben und Lacke.

Quelle: gtai